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Nationalkirchliche Bewegung Indiens im 19.Jh. - Dokumente

 

 

Im Folgenden sollen signifikante und bislang an keiner anderen Stelle publizierten Dokumente der indischen Nationalkirchenbewegung des 19. und frühen 20. Jh.s der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Sie sind von enormer Bedeutung zum Verständnis der indischen Christentumsgeschichte und der Ökumenebewegung des Subkontinents im 19. Jh., die ihrerseits wichtige Impulse für die weltweite protestantische Ökumenebewegung des 20. Jh.s gab.

 
Die westliche Missionsbewegung des 19. Jahrhunderts hatte in Indien zur Entstehung einer kleinen christlichen Gemeinschaft geführt, die sich zwar im Regelfall aus den unteren Kasten rekrutierte, zugleich aber auch in der Mittel- und Oberschicht profilierte Anhänger fand. Letztere begannen sich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zu organisieren und zunehmend als Sprecher der gesamten christlichen Gemeinschaft zu artikulieren. Sie fanden sich in unterschiedlichen regionalen Vereinigungen zusammen, gaben eigene Zeitschriften heraus, kommentierten die politische, gesellschaftliche und religiöse Entwicklungen im Lande und forderten erweiterten Mitspracherechte in den Missionskirchen. In Madras beispielsweise, Schauplatz zahlreicher Initiativen einheimischer Christen, kam es 1888 zur Gründung der Madras Native Christian Association, der u.a. sozial hochgestellte und finanziell unabhängige indische Christen - wie Anwälte, Lehrer, Ärzte, Verwaltungsangestellte - angehörten. Sie setzte es sich zur Aufgabe, den "politischen, sozialen, moralischen und intellektuellen Fortschritt ihrer Mitglieder" zu befördern sowie die Einheit der indischen Christen "in sozialen, politischen und moralischen Angelegenheiten" voranzutreiben. Sie suchte Kontakte zu analogen Vereinigungen in anderen Teilen Indiens (Bombay, Calcutta, Oudh) herzustellen und gründete eigene Filialen in Bangalore (1895), Palmcottah (1896), Nagercoil (1898), Tranvancore (1897) und Rangoon (1897).. Mit dem seit 1890 erscheinenden Christian Patriot gab sie ein eigenes Organ heraus, das sich engagiert zu zahlreichen Themen der indischen Tagespolitik äußerte. Der Paternalismus der westlichen Missionare wurde darin ebenso kritisch kommentiert wie sozial konservative Tendenzen unter den gebildeten Hindus in Madras.

 

Obwohl zahlenmäßig eine verschwindende Minderheit, war diese Gruppe doch alles andere als marginal. Ganz im Gegenteil: ihr Einfluss reichte weit über den Bereich des organisierten Gemeindechristentums hinaus. Aufgrund ihres Bildungsvorsprunges und der daraus resultierenden gehobenen Beschäftigungsmöglichkeiten erfreute sie sich weithin der Anerkennung als einer "progressive community".. Sich selbst stuften sie vielfach als wichtigste Gemeinschaft nach Hindus und Moslems oder als gleichrangig mit den letzteren ein. Im Indischen Nationalkongress waren sie in dessen Anfangsjahren (bis etwa 1892) überproportional stark vertreten. In der Kritik bestimmter Mißstände (social evils) der indischen Gesellschaft - wie Kastenmentalität, Praxis der Frühheirat, erzwungener Witwenschaft etc. -, die sie teils sehr prononciert vortrugen, wußten sie sich mit reformorientierten Kräften unter den educated Hindus einig. Bestimmte Organisationsformen (wie etwa die relativ früh indianisierte Young Men Christian Association) wurden vielfach imitiert - von Hindus, aber ebenso auch von Buddhisten und Moslems.

 
Innerkirchlich tat sich diese zumeist protestantische Intelligentsia unter anderem durch ihre Kritik am "Sektarianismus und Denominationalismus der Missionare" hervor. Wie ein roter Faden durchzieht dieser Kritikpunkt zahlreiche Stellungnahmen einheimischer Christen. Statt dessen forderten sie eine „National Church“, der alle indischen Christen – unabhängig von ihrer Konfessionszugehörigkeit – angehören sollten. Bereits 1869 wurden detaillierte Pläne zur Errichtung einer ‘National Church in Bengal’ diskutiert. Ein Jahr später wurde ‘The Bengal Christian Association for the Promotion of Christian Truth and Godliness and the Protection of the Rights of Indian Christians’ gegründet, und 1887 entstand, ebenfalls in Calcutta, der bengalische Christo Samaj’ – der sich zum Ziel gesetzt hatte, “the promotion of Christian union and the welfare of Indian Christians” zu fördern und die Einrichtung einer “Church that would be regulated by natives of this country and adapted to their peculiarities”. Ihr Gründer war Kali Charan Banurji, ein berühmter christlicher Konvertit aus einer Brahmanenfamilie, der ursprünglich ein kirchliches Amt angestrebt hatte, diese Absicht aber aufgab, da Indern in den Missionskirchen keine hinreichenden Rechte erhielten.

 
In Südindien wurde bereits 1858 ‘The Hindu Church of the Lord Jesus’ gegründet. Sie betonte ihre Unabhängigkeit gegenüber europäischer Hilfe und Kontrolle und war das Ergebnis eines Disputs zwischen Missionaren und örtlichen Christen. Sie umfasste etwa 2000 Mitglieder. Am wichtigsten jedoch wurde die ‘National Church of India’. In Madras (heute: Chennai) 1886 gegründet, suchte sie alle indischen Christen unbeschadet ihrer Zugehörigkeit zu den verschiedenen Denomonationen in einer – sich selbst verwaltendenden und finanziell unabhängigen – nationalen Kirchen zusammenzuführen. Sie beabsichtigte “to encourage independence and self-reliance ... and self-government” unter indischen Christen, und erklärte als ihr Ziel die Vereinigung der “various denominations, and to have one united Church as suited to the national peculiarities and instincts of the people”. Das Projekt wurde von einer Gruppe südindischer Christen betrieben, zu denen sozial hochstehende und finanziell unabhängige Personen wie Rechtsanwälte, Lehrer, Ärzte, Verwaltungsangestellte usw. gehörten. Es gab zugleich Anstoß zu ähnlichen Unternehmungen in anderen Teilen Indiens.

          
In ihren Anfangsjahren traf die ‘National Church of India’ auf großen Enthusiasmus. Später fand sie weniger finanzielle Unterstützung, 1930 schließlich wurde sie aufgelöst. Sie teilte das Schicksal verwandter Initiativen wie des ‘Christo Samaj’ in Calcutta, dem ebenfalls keine lange Dauer beschieden war. Kurzlebig, wie diese frühen Experimente waren, blieben sie dennoch nicht ohne Wirkung. Die meisten von ihnen aufgeworfenen Fragen sollten die Agenda der indischen Christenheit auf Jahre hinaus bestimmen. In Zeiten des verstärkten indischen Nationalismus fanden sie sowohl innerhalb wie außerhalb der etablierten Missionskirchen breite Resonanz. Wesentliche Impulse wurden etwa in der 1905 gegründeten ‚National Missionary Society of India’ – der prominente Führungspersönlichkeiten wie V.S. Azariah angehörten, des späteren ersten indischen Bischofs der anglikanischen Kirche – aufgenommen. Sie bestimmten zunehmend auch die Diskussionen der verschiedenen Missionskonferenzen und wirkten so zugleich auf die Debatten der Weltmissionskonferenz 1910 in Edinburgh ein. Diese gilt vielfach als Ausgangspunkt der modernen Ökumenebewegung in den protestantischen Kirchen der westlichen Welt: Zugleich wirkte sie - in Gestalt der sog. Edinburgh-Fortsetzungskonferenzen der Jahre 1912/13 - auf die Kirchen Indiens und Asiens zurück und verstärkte dortige Anstrengungen zur Überwindung der aus dem Westen importierten konfessionellen Differenzen und zum Aufbau einer indischen (bzw. asiatischen) ‚nationalen’ Kirche.

 

Als erstes Dokument soll nun die Denkschrift zur Errichtung einer National Church in Bengal aus dem Jahr 1869 publiziert werden. Sie trägt den Titel: „The desirableness and practicability of organizing a National Church in Bengal“ und wurde von Lal Behari Day verfasst, einem kongregationalistischen Pfarrer in Calcutta. Er schlug den Zusammenschluss aller indischen Christen – Protestanten, Katholiken und Orthodoxe – in einer einzigen Kirche auf der Grundlage des apostolischen Glaubensbekenntnisses vor. Frieder Ludwig (jetzt Professor in St. Pauls, USA) hat die im Folgenden wiedergegebene Vorlage im Rahmen eines Münchener Forschungsprojektes bei umfangreichen Recherchen in indischen Archiven ausfindig gemacht (United Theological College, Bangalore). Josef Höglauer (München) war um die elektronische Bearbeitung besorgt.

 

  • G. Thomas, Christian Indians and Indian Nationalism 1885-1950. An Interpretation in Historical and Theological Perspectives, Peter Lang Pbl: Frankkfurt a.M. / Bern / Cirencester, UK 1979, v.a. pp. 66ff (zur National Church in Bengal)
  • K. BAAGO, Pioneers of Indigenous Christianity, Madras 1969.
  • D.V.Singh, Ecumenical Bearings in Nineteenth Century Christianity in India and their Impact on World Missionary Conference Edinburgh 1910, D.theol. Thesis Calcutta 1977.
  • Y.V.Kumara Doss, The Swadeshi Movement and the Attitude of the Protestant Christian Elite in Madras (1905 - 1907) (Indian Church History Review 22, 1988, 5-22);
  • G.A.Oddie, Indian Christians and the National Congress, 1885-1910 (Indian Church History Review 2, 1968, 45 - 54).
  • K. Koschorke, Christentumsgeschichte in globaler Perspektive. Kirchliche Emanzipationsbestrebungen im Asien der Jahrhundertwende und die Anfänge der modernen ökumenischen Bewegung des Westens (Zeitschrift für Kirchengeschichte 107, 1996, 72 – 89)
  • K.Koschorke, History of Christianity in Asia and Africa in comparative perspective, in: K. Koschorke (Ed.), African Identities and World Christianity in the Twentieth Century (Studies in the History of Christianity in the Non-Western World. Vol. 10), Wiesbaden: Harrassowitz 2005, 261 – 276.