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Vorwort / Preface

 

Im Folgenden sollen die Protokolle des Konsistoriums der Niederländisch-Reformierten Kirche oder Wolvendaal Kerk zu Colombo aus den Jahren 1735 – 1797 erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Sie sind ein Dokument von unschätzbarer Bedeutung nicht nur für die Kirchen-, sondern ebenso auch für die Religions-, Politik-, Sozial- und Alltagsgeschichte Sri Lankas, des früheren Ceylon, im 18. Jahrhundert. Von ca. 1658 (Fall Jaffna’s) bis 1796 unterstand das Land – präziser: die Küstenregionen – holländischer Herrschaft. Wie in den übrigen asiatischen Besitzungen der Verenigde Oost-Indische Compagnie (V.O.C.) war hier allein der reformierte Glaube offiziell anerkannt. Dies galt insbesondere für die europäischen Siedler und einheimischen Christen und richtete sich vor allem gegen den Katholizismus der früheren portugiesischen Kolonialherren, der auch als politische Bedrohung empfunden wurde. Die traditionellen Religionen des Landes – Buddhismus, Hinduismus und Islam - waren von diesem Exklusivitätsanspruch weniger betroffen, obwohl die V.O.C. bemerkenswerte und anfangs durchaus erfolgreiche Anstrengungen unternahm, den reformierten Glauben auch unter der einheimischen Bevölkerung zu verbreiten.

 

Das Generalkonsistorium der Kirche zu Colombo war das oberste Leitungsgremium der holländischen Kolonialkirche in Ceylon. Ihm gehörte – neben den ordinierten Geistlichen (Predikanten), Ältesten und Diakonen - jeweils auch ein „Politischer Kommissar“ als Vertreter der Kolonialregierung an. Das Gremium regelte und koordinierte zahlreiche kirchliche Angelegenheiten auf der Insel und war zugleich für die jährlich zu erstattenden Berichte nach Batavia (Jakarta) – dem Sitz der asiatischen V.O.C.-Zentrale – sowie an die Mutterkirche bzw. die verschiedenen Synoden (classes) in den Niederlanden verantwortlich. In ihren Sitzungen nahmen Kirchenzuchtsfragen - die sog. censura morum – großen Raum ein. Dabei wurden vielfältige Probleme diskutiert, die uns einen einzigartigen Einblick in das kirchliche, religiöse und soziale Leben einer holländischen Kolonie im Asien des 18. Jahrhunderts erlauben.

 

Wir erfahren von Schwierigkeiten bei der Ausbildung einheimischer Lehrer und von Fortschritten beim Aufbau einer singhalesischen und tamilischen Druckerpresse. Das anscheinend unaufhaltsame Vordringen katholischer Untergrundpriester, die bei der Landbevölkerung und bei den Fischern großen Anklang fanden und sich in Städten wie Negombo trotz aller obrigkeitlicher Verbote unverfroren in der Öffentlichkeit zeigten, gab Anlass zu zahlreichen Krisensitzungen. Aber auch Nachrichten über das Aufkreuzen der Herrnhuter Missionare und Angehöriger anderer protestantischer Gemeinschaften auf der Insel wurden sorgenvoll kommentiert. Wir erfahren von niederländischen Predikanten, die trotz langjährigem Aufenthalt auf der Insel und wiederholter Mahnung von höchster Stelle aus noch immer nicht ihre erste Predigt auf Sinhala gehalten haben, sowie von disziplinarischen Maßnahmen gegen holländische Siedler, die ihre einheimischen Sklavinnen geschwängert haben oder sich den regelmäßig durchgeführten Hausbesuchen entziehen. Spannungen zwischen den kirchlichen und politischen Mitgliedern des Gremiums werden ebenso thematisiert wie die krisenhafte Zuspitzung sowie schließlich im Jahr 1796 der Kollaps und die Ablösung der holländischen Herrschaft auf der Insel durch die der Briten – eine Zäsur, die auch christentumsgeschichtlich relevant war. Missionsstrategische Erwägungen und Fragen des Umgangs mit „Konvertiten aus dem Heidentum und (islamischen) Türkentums“ werden ebenso erörtert wie die vielfältigen „Maßnahmen zur Bekehrung der (buddhistischen oder hinduistischen) Heiden“. Diesen Anstrengungen war allerdings nur begrenzter Erfolg beschieden - nicht nur im Vergleich zu den erwähnten Aktivitäten katholischer Untergrundpriester auf der Insel, sondern auch zu den Anfängen protestantischer Präsenz in anderen Regionen Asiens. So im südindischen Tranquebar, wo die Tätigkeit der sog. Dänisch-Halleschen Missionare seit 1706 rasch zur Bildung einheimischer Gemeinden führte. Auch die von dort stammenden indischen Christen und Kleriker werden in den vorliegenden Dokumenten wiederholt erwähnt:

 

Diese vielfältigen Entwicklungen und Debatten werden in den Protokollen des Konsistoriums der Reformierten Kirche in Colombo in eindrücklicher Weise dokumentiert. Sie enthalten zahlreiche Informationen, die uns so in keiner anderen Quelle überliefert sind. Dies gilt etwa für die hilflose Reaktion kolonialkirchlicher und staatlicher Stellen auf das ständige Wachstum der katholischen Untergrundgemeinden. Die Christentumsgeschichte Sri Lankas verdient schon aus dem Grund überregionales Interesse, da hier eines der klassischen Paradigmen der traditionellen Missionsgeschichte – die Parallelität von kolonialer und missionarischer Expansion Europas nach Übersee - in grandioser Weise falsifiziert wird. Zwar kamen mit den Portugiesen (seit 1505) der Katholizismus, mit den Holländern (seit 1640 bzw. 1658) der Kalvinismus und mit den Briten (seit 1796) die unterschiedlichen Varianten des angelsächsischen Missionsprotestantismus ins Land. Aber erst unter der Herrschaft und trotz der Verfolgung durch die Holländer entwickelte sich der Katholizismus – der mit den Portugiesen zunächst von der Bildfläche verschwunden war und lange Zeit für tot gehalten wurde - zur stärksten Kraft im christlichen Lager, die er bis heute geblieben ist. Eine wichtige Rolle spielten dabei übrigens indische Wanderprediger aus Goa (wie der berühmte der Oratorianer-Priester Joseph Vaz), die - als Bettler verkleidet und trotz strenger Kontrollen – seit 1687 zur Unterstützung ihrer Glaubensgenossen nach Ceylon gelangten und dort die zerstreuten Reste früherer katholischer Präsenz zu sammeln begannen. Schon bald hören wir von Open-air-Gottesdiensten mit Hunderten von Teilnehmern. Als Joseph Vaz 1711 starb, konnte die Existenz starker katholischer Gemeinden auf der Insel nicht länger bestritten werden. Darüber hinaus bewegten sie sich zunehmend frei in aller Öffentlichkeit. 

 

In den Protokollen wird diese wachsende  „Verbreitung der falschen römischen Lehren im Land“ (8.7.1744) und „der täglich zunehmende schädliche Einfluss der Papisterei in diesen Gebieten Ceylons, trotz aller Anordnungen und Verbote der Behörden“ (2.12.1751) sorgfältig registriert und die Frage nach geeigneten Gegenmaßnahmen vielfach erörtert. Wir erfahren, dass „die sogenannten Priester und Vagabunden ... keinerlei Respekt oder Rücksicht mehr zeigen und offen am Tag ihre religiösen Übungen praktizieren, mit Glockenläuten und der Ausstellungen ihrer Götzen- (also Heiligen)-Bilder“ (2.12.1751). Sie taufen unterschiedslos die Kinder christlicher und nicht-christlicher Eltern, üben keinerlei Kirchenzucht (29.5.1759 p. 187a) und „bedrängen die Anhänger des reformierten Glaubens auf unmenschliche Weise“ (29.5.1759). Religiöser Protest kann dabei in gewaltsamen Widerstand umschlagen – so in der Region um Korale, wo eine große Menge von Frauen die Zerstörung einer katholischen Kirche verhinderte und das mit der Ausführung dieser Aufgabe beauftragte Polizeikorps „by more than a thousand persons, both fishermen and others unknown to them, from the jungle on both sides of the road“, verprügelt wurde (5.11.1759 p. 230). Selbst in der Altstadt von Colombo führen die Katholiken „public processions with violence“ durch, and „members of the Reformed Church were harassed and pursued by Roman Catholics“ (29.5.1759 p. 178a). Wiederholt werden Krisensitzungen einberufen – wie die vom 29. Mai 1759 (Vol. 4A/2 p. 178a – 188), wo ein Mitglied des Rates nach dem andern detaillierte Vorschläge zur Bekämpfung der „falschen  Lehren des Papsttums“ unterbreitet. Sie reichen von disziplinarischen Maßnahmen und Forderung nach strikter Einhaltung der antikatholischen Erlasse (placcaats) sowie Nicht-Anerkennung der vom katholischen Priestern ausgestellten Tauf-Zertifikaten über die staatliche Stellenpolitik (keine Berufung von „native subjects who are of the Roman Catholic faith“ in repräsentative Funktionen) bis hin zu vielfältigen Anregungen, das reformierte Christentum attraktiver zu machen – etwa durch verstärkte Präsenz auch auf dem Land und verbesserte Ausbildung und erhöhte moralische Anspräche an Kleriker und Schulpersonal. Zugleich aber wird sichtbar – und auch das macht den Reiz dieser Dokumente aus -, wie wenig sich viele dieser gut gemeinten Empfehlungen angesichts des engen kolonialkirchlichen Korsetts realisieren ließen. Das Ziel einer Ausschaltung der römisch-katholischen Konkurrenz jedenfalls wurde nicht erreicht, und noch vor dem Ende der niederländischen Herrschaft auf der Insel 1796 überflügelten gerade unter den einheimischen Christen die Anhänger der „Papisterei“ die des offiziell gültigen „Reformierten Glaubens“ bei weitem. Nach 1796 übernahmen sie wiederholt die leer stehenden Kirchen, während die niederländischen Prediger das Land verließen und die einheimischen Protestanten vielfach „zur (buddhistischen) Idolatrie zurückkehrten“.

 

Diese Entwicklungen; die damit verbundenen Debatten sowie die Vielzahl der sonstigen Themen machen eine erstmalige Edition der Protokolle Konsistoriums der Niederländisch-Reformierten Kirche zu Colombo zu einem dringlichen Desiderat. Die holländischen Originaldokumente sind nur in Sri Lanka vorhanden. Sie befanden sich lange Zeit in einem Zustand zunehmenden Verfalls in den Archiven der Dutch Reformed Church in der Wolvendaal Kerk in Colombo-Wellawatta und wurden Anfang der 1980er Jahre restauriert: Gegenwärtig befinden sie sich als Dauerleihgabe in den Sri Lanka National Archives in Colombo (Record Group 24). Dort ist zwar ihre physische Existenz gesichert; dafür aber sind sie Interessenten vielfach nur unter großen Schwierigkeiten zugänglich. Erhalten sind die Protokolle ab dem Jahr 1735. Ursprünglich setzten sie – nach Ausweis eines Kircheninventars von 1757 - mit dem Jahr 1657 ein. Diese früheren Bestände aber waren wohl bereits Mitte des 18. Jahrhunderts verloren gegangen bzw. nur noch in stark beschädigter und unleserlicher Form vorhanden.

 

Die im Folgenden wiedergegebene englische Übersetzung wurde in den 1970er Jahren von S.A.W. Mottau angefertigt, dem 1996 verstorbenen früheren Archivar der Wolvendaal-Kirche und renommierten Historiker, der sich in vielfältigen Funktionen um das kirchliche und kulturelle Erbe der Burgher (Sri Lankaner holländischer Abstammung) verdient gemacht hat. 1985 wurde er dafür von der niederländischen Königin mit dem Order of the Orange Nassau ausgezeichnet. Der Herausgeber trat mit ihm erstmals i während seiner Gastdozentur 1982/83 am Theological College of Lanka, Pilimatalawa (Kandy) in Kontakt sowie bei zahlreichen späteren Reisen nach Sri Lanka. Per Schreiben vom 24.8.1988 autorisierte S.A.W. Mottau den Herausgeber zur Edition seiner Übersetzung („I write to inform you that I very gladly give you permission to edit my translation of the Consistory of the Dutch Reformed Church in Ceylon 1735 to 1837, and to furnish it with an introduction and a historical commentary by you“). In der Folgezeit wurden verschiedene Varianten einer gedruckten Edition geprüft. Schließlich aber musste das Projekt wegen des erheblichen Textumfangs, der enormen Kosten, des hohen Bearbeitungsaufwands (bei der damals notwendigen rein manuellen Übertragung und der schlechten Lesbarkeit der maschinenschriftlichen Vorlage) und des Ausfalls örtlicher Mitarbeiter sowie angesichts anderweitiger Verpflichtungen zurückgestellt werden. In fotokopierter Form stellten die Protokolle jedoch den Anfangsbestand des vom Herausgeber initiierten und 2003 vom Bischof von Kurunagala formell eröffneten Church History Documentation Centre am Theological College of Lanka, Pilimatalawa (Kandy) dar. Letzteres zielt darauf ab, die Christentumsgeschichte des Landes in ihren vielfältigen konfessionellen und kontextuellen Varianten zu dokumentieren und als integralen Bestandteil der Geschichte Sri Lankas einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Als solches hat das Zentrum bereits beachtliche Resonanz gefunden.

 

Mit der vorliegenden Veröffentlichung ist das Editionsprojekt in veränderter Form wieder aufgenommen worden. Die hier vorgelegte Teilpublikation der Protokolle – die insgesamt den Zeitraum 1735 – 1837 abdecken - beschränkt sich dabei auf die holländische Zeit. Die Edition beginnt mit dem Jahr 1735 (die früheren Protokolle sind, wie bereits erwähnt, nicht mehr erhalten) und führt bis zum Jahr 1796, dem Ende der niederländischen Herrschaft auf der Insel,  bzw. bis zum Jahr 1797, um auch noch die Phase des Übergangs zu dokumentieren. Die Edition erfolgt in zwei Schritten:

 

1. Zunächst als digitale Edition, um die Dokumente möglichst rasch der internationalen Wissenschaft zugänglich zu machen. Dieser erste Schritt ist mit der vorliegenden Veröffentlichung abgeschlossen. Interessierten Fachkollegen können die Dokumente auch als pdf-Datei zur Verfügung gestellt werden.

 

2. Zweiter Schritt ist eine Print-Edition. Diese ist – abhängig von der Frage der Finanzierung - für das Jahr 2009 oder 2010 geplant. Sie wird auch eine historische Einleitung in englischer Sprache sowie ein Glossar der niederländischen, singhalesischen und tamilischen Begriffe enthalten.

 

Gefördert wurde digitale Edition der Bände 4A3 (1760 – 1787) und 4A4 (1787-1797) durch die Fritz Thyssen Stiftung (Köln). Die technische Betreuung lag bei meinen Mitarbeitern Adrian Hermann, M.A, und Dr. Ciprian Burlacioiu. Wichtige Dienste leisteten die studentischen Hilfskräfte Christoph Burger und Senta-Victoria Hentrich. Die Recherchen in Sri Lanka wurden unterstützt von Prof. G.V.P. Somaratna (Colombo). Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt.

 

München, im November 2008

 

Klaus Koschorke

 

Kontaktadresse:
kg.koschorke@evtheol.uni-muechen.de